LESEPROBE
Altweiber- Hitze - Teil 2. der Altweiberreihe
(Komödie)
Ein Jahr zuvor
»So, Klara! Jetzt stürmst du da rein und … Wie hat die Liesl noch mal gesagt? Ach ja, du lässt das Wünschelruterl deines Mannes rotieren.«
Mit diesen Worten motiviere ich mich selbst, weil ich endlich wieder Pep in unser nicht mehr existentes Liebesleben bringen möchte. Währenddessen drücke ich die Klinke hinunter und stehe wenige Sekunden später in freudiger Erwartung und halb nackt in edlen roten Spitzendessous im Praxisraum direkt vor dem Schreibtisch meines Mannes.
Das Erste, in das ich blicke, sind zwei mir unbekannte rehbraune Kulleraugen.
»Grüß Gott«, sagt die Dame mit den Kulleraugen unerwartet zu mir. Ihrer Reaktion nach zu urteilen, scheint sie genauso erschrocken wie ich über unser Zusammentreffen zu sein.
»Grüß Gott.« Mehr antworte ich nicht, denn ich bringe kein weiteres Wort über die Lippen. Zu perplex bin ich über dieses Szenario, das sich gerade vor meinen Augen abspielt – und über die Tatsache, dass ich überhaupt begrüßt worden bin.
Es ist jener Frühlingstag vor gut einem Jahr gewesen, der das Leben von mir, Klara Reininger, 65 Jahre, für immer verändert hat. Der Tag, an dem alles um mich herum zusammengebrochen ist.
Kapitel 1
Heute ist ein wunderschöner Junitag. Ich sitze auf meinem Lieblingsplatz, der Holzgarnitur unter der alten Eiche. Hach! Was für ein Paradies mein Garten doch ist! Die Sonne strahlt, die Vöglein zwitschern, und man kann sich auch mit kurzen Ärmeln bereits gut im Schatten aufhalten. Die ersten Hortensien blühen in ihrer bunten Farbenpracht, und Bienen tummeln sich fleißig von Blüte zu Blüte. Ihr Summen ist beruhigend, fast schon meditativ – wäre da nicht dieser ständige nervende Baulärm, den ich mittlerweile seit Wochen ertragen muss.
Das laute Stemmen und das monotone Hämmern bringen mich langsam an meine Grenzen. Und seit Neuestem läuft ein schrecklicher italienischer Radiosender gefühlt 24 Stunden am Tag, weil der Baustellenfacharbeiter während der Renovierungsarbeiten an unserem Haus offenbar nicht ohne ihn sein kann. Der extrem religiös orientierte Sender spielt vorwiegend Kirchenlieder – selbstverständlich mit Orgelbegleitung. Darüber hinaus singt und betet der gute Mann enthusiastisch und voller Inbrunst mit – und das sogar während der Arbeit! Dazu kommt dieses schnelle und aufgeregte Dauergequassel der Moderatoren, und alle heiligen Zeiten läutet eine Glocke. Nein, dieser Kanal entspricht keinesfalls meinem Geschmack. Im Moment herrscht endlich Stille, weil der Italiener gerade Mittagspause macht. Was für ein Luxus!
»Klara!« Die schrille und leicht nasale Stimme, die an Eigenwilligkeit nicht zu übertreffen ist, lässt mich umgehend zusammenzucken. Ihr Wiedererkennungswert ist so groß, dass ich nicht lange überlegen muss, wer hier in wenigen Sekunden auftauchen wird. Kruzifix! Sind mir denn nicht einmal ein paar Minuten Ruhe vergönnt?
Reflexartig drehe ich mich um, sehe den roten Wirbelwind um die Hausecke biegen und schnurstracks auf mich zukommen. Es ist meine allerbeste Freundin Elisabeth »Liesl« Rothberger, die Mehlspeisen- und Kardinalschnittenkönigin von Nussbachdorf – wer sonst würde sich trauen, einfach so hereinzuschneien?
Sie legt ein rasantes Tempo an den Tag, gerade so, als wäre sie auf der Flucht. Und ihr Gesichtsausdruck spricht Bände. Die Liesl ist wie ein offenes Buch und deshalb leicht zu lesen. Na, da bin ich jetzt gespannt! Eine halbe Stunde keinen Baulärm und dann das …
Obwohl ich mich über ihren Besuch freue, kostet es mich ein Seufzen. »Hallo«, begrüße ich sie auf Hochdeutsch, während sie sich ganz selbstverständlich den freien Stuhl neben mir schnappt und sich an den Gartentisch setzt.
»Servus, Klara«, schmettert sie in ihrem ländlichen Dialekt und atmet tief durch. Ihr gesamtes Outfit ist wieder einmal farblich komplett aufeinander abgestimmt. Respekt, die Liesl besitzt einen erstklassigen Geschmack, was Mode und Accessoires betrifft, und ein ausgesprochenes Faible für die Farbe Rot.
»Du sieht heute wieder ausgesprochen hübsch aus«, lobe ich sie und applaudiere symbolisch.
Und Beine hat die Liesl! Schlank, lang und makellos, wie eine junge Puppe. Da könnte man glatt neidisch werden. Krampfadern? Fehlanzeige! Dass sie insbesondere obenherum etwas üppiger gebaut ist, quasi wie eine umgedrehte Birne, kaschiert sie mit ihrem Modestil durchaus geschickt.
Die rote Brille in Katzenform sitzt auf den Millimeter genau auf ihrer Nase, als wäre sie da festgewachsen. Die Sehhilfe verleiht ihr den Charme einer First Lady – allerdings nur so lange, bis sie den Mund aufmacht. Sobald die Rothbergerin nämlich loslegt, wie ihr halt der Schnabel gewachsen ist, ist der Eindruck der First Lady schnell wieder passé. Wir beide sind wie Tag und Nacht – grundsätzlich verschieden, optisch wie charakterlich. Während ich eher eine kleine, dünne, zarte, sensible und leise Person bin, ist sie schrill, bunt, groß und laut. Vielleicht ergänzen wir uns gerade deshalb so hervorragend. Jeder braucht doch diese eine besondere Freundin, die Schwung und Farbe ins Leben bringt, einen Paradiesvogel de luxe!
»Bist du auf der Flucht?« Ihr Verhalten ist untypisch, was mich durchaus neugierig nachfragen lässt.
Gut, ich bin es zwar gewohnt, dass sie einfach hereinplatzt, aber meistens eben vormittags. Es hat sich nämlich eingebürgert, dass sie nach ihrem täglichen Einkaufsmarathon in der Regel schnell auf einen kurzen Plausch bei mir vorbeischaut. Zeit haben wir beide ja, denn schließlich sind wir Rentnerinnen.
»Nein, auf der Flucht bin ich nicht. Ich habe da eine Idee, Klara! Und die will ich dir unbedingt erzählen. Es pressiert! Sonst platze ich!« Die Liesl atmet schwer und fährt sich mit der Hand durch ihre kurzen roten Haare. »Weißt du, Klara, du bist die Einzige, der ich das anvertrauen kann. Der Karl und der Hansi-Bub würden es für ein Hirngespinst halten.«
»Ach, die beiden sind nicht umsonst so geworden, schließlich hast du sie jahrzehntelang verwöhnt«, werfe ich ein.
Bis zur Rente hat der Karl als Filialleiter bei der Bank gearbeitet und somit stets für das Familieneinkommen gesorgt, während die Liesl sich zu Hause um den gemeinsamen Sohn Hansi und den Haushalt gekümmert hat und es immer noch macht. Zwischendurch hat sie zwar immer wieder kleine Putzstellen angenommen oder ist für mich und meinen Mann einkaufen gegangen. Dennoch verbrachte sie die meiste Zeit mit ihrem »Hansi-Bub«, wie sie ihn auch heute noch liebevoll nennt.
Der Hansi ist ihr Ein und Alles. Sie hat den Buben, der mittlerweile dreißig Jahre alt und eigentlich kein Bub mehr ist, seit seiner Geburt wie eine Glucke verwöhnt und infolgedessen zu dem gemacht, was er ist: ein Mamasöhnchen par excellence, dem es schwerfällt, sich von zu Hause zu lösen. Jedoch ein fleißiges, denn er arbeitet seit Abschluss seiner Koch- und Kellnerausbildung fast rund um die Uhr in einem bodenständigen Wirtshaus in Grafhof – im »Goldenen Ochsenschwanz«.
»Hat der Hansi im Moment überhaupt jemanden? Also, eine Freundin meine ich.«
»Geh, der ist die meiste Zeit unterwegs oder spielt mit seiner Konsole!« Die Liesl winkt ab. »Der hat absolut kein Interesse am weiblichen Geschlecht. Lebt mit einer Keuschheit, die an ein Kloster erinnert. Aber mir soll’s recht sein, gell.«
Ja, mit den Frauen will es beim Hansi nicht klappen. Seine Mutter hatte an jeder ihrer »Schwiegertöchter in spe« etwas auszusetzen, und schlussendlich ist keine von ihnen geblieben, sodass der Hansi ein »Überbleibsel« geworden ist, der sein Leben der Arbeit verschrieben hat. Und manchmal auch dem Bier. Die Chancen, seine zweite Hälfte kennenzulernen, schwinden ab einem gewissen Alter hier auf dem Land drastisch – vor allem, wenn man noch im Kinderzimmer des Elternhauses wohnt. Ihm würde ich deshalb bald eine »schwiegermuttertaugliche« Traumfrau wünschen.
»Wahrscheinlich hast du recht. Ich habe die beiden zu sehr verhätschelt.« Wider Erwarten stimmt mir meine Freundin zu.
Gerade als ich nachfragen möchte, was sie mir denn so Wichtiges zu erzählen hat, ertönt das lautstarke Läuten der Kirchenglocke aus dem Radio, gefolgt von einem Orgelsolo, was mich genervt aufseufzen lässt. Und es geht schon wieder los!
»Lange halte ich das hier nicht mehr aus!«
»Was?«, fragt die Liesl und beugt sich zu mir vor, weil sie aufgrund der Geräuschkulisse kein Wort von dem verstanden hat, was ich gerade von mir gegeben habe.
»Diesen schrecklichen Sender, den ich 24/7 ertragen muss. Ich drehe noch durch!« Grantig werfe ich einen Blick auf das Gebäude vor mir. »Ach, Liesl, ich habe das Gefühl, ich schaue auf die Trümmer meines Lebens. Es ist zum Verzweifeln!«
»Wieso Trümmer? Also, jetzt malst du aber rabenschwarz, gell, Klara!«
»Na ja. Das Haus ist der Spiegel meiner Seele – eine komplette Baustelle. So wie ich es bin.« Ich setze eine mitleidige Miene auf, weil ich ehrlich gesagt ein bisschen Trost, einen Schenkelklopfer oder eine kleine Aufmunterung vertragen könnte.
»Ach wo«, versucht sie mich zu beruhigen.
»Darf ich dich daran erinnern, wie meine letzten zwölf Monate verlaufen sind? Mein Ehemann hat mich verlassen, weil er homosexuell ist, er hat einen neuen Partner, also: Neuorientierung und Single mit 65.«
»Vergiss nicht die positiven Aspekte«, ermahnt mich die Liesl.
»Und die wären, du schamlose Optimistin?«
»Wir haben eine Selbsthilfegruppe besucht, die Niki kennengelernt, sind von einem Polizisten nach Hause eskortiert worden, du hast gedatet und eine neue Frisur bekommen!« Sie mustert mich prüfend. »Ist das nicht genug Positives?«
Zustimmend nicke ich. Sie hat ja recht. Mit Liesls Hilfe ist es mir gelungen, mich in dieser Zeit von der schüchternen, langweiligen, introvertierten Klara in eine neue Version von mir zu verwandeln. Mit dieser Weiterentwicklung habe ich mich selbst am meisten überrascht.
»Und außerdem ist das Haus in ein paar Wochen fertig und die WG eröffnet.« Die Rothbergerin beugt sich noch etwas näher zu mir heran. »Also übertreib nicht.«
Ich seufze. »Jaja, unsere WG. Damit hast du schon recht, doch ich fürchte mich ein bisschen vor dem, was danach kommt. Aktuell ist es Mitte Juni, und spätestens Ende September wird es so weit sein.«
»Mach dir keine Gedanken. Weißt du, meiner Meinung nach habt ihr die einzig richtige Entscheidung getroffen.« Die Liesl nickt überzeugt. »Außerdem, wer kann schon von sich behaupten, mit seinem Ex und dessen Neuem in einer WG zu wohnen, gell.«
Ihre Worte machen Sinn, überzeugen mich allerdings wenig. »Wahrscheinlich. Diese Wohnform mit Franz-Josef und Walter bringt Vorteile mit sich. Die Unterhaltskosten für das Haus werden geteilt, wir können in allen Belangen zusammenhelfen, und ich besitze trotzdem eine eigene Wohneinheit – wie in einem Mehrparteienhaus.«
»Und du hast mit dem Bauunternehmer Walter immer Unterstützung, was die Instandhaltung des Hauses betrifft.«
Ich seufze.
»Tja, und dein Liebesleben bekommen wir auch wieder auf Vordermann.« Flüchtig tätschelt sie mir den Oberschenkel.
»Stopp! Habe ich da ein ›bekommen wir‹ gehört? Nein, Liesl! Kommt nicht infrage! Wenn ich mich an diese grauenvollen Dates des letzten Jahres zurückerinnere, wird mir heute noch ganz anders. Diesmal mischst du dich auf keinen Fall mehr ein! Hörst du?«
»Also …«, setzt sie an, ich schneide ihr jedoch das Wort ab.
»Nein! Komm nicht auf den Gedanken!« Ermahnend sehe ich sie an.
»Na ja, lustig waren deine Verabredungen schon. Erinnere dich doch mal zurück. Mei, und trotzdem bist du zu den Dates hingegangen.«
»Weil du mich dazu gezwungen hast«, stelle ich klar und deute mit dem Zeigefinger in ihre Richtung.
»Denke doch mal an den Hubert, Klara.«
Inzwischen habe ich auch Walters Bruder, den Kriminalhauptkommissar Hubert Müller, kennengelernt, der bei unserer ersten Begegnung unabsichtlich mit einer Sahnetorte auf mir gelandet ist. Zugegeben, dieser Single-Mann hatte es mir von Anfang an etwas angetan. Während des Zusammentreffens in Walters Wohnung haben wir uns blendend unterhalten und sogar eine weitere Verabredung geplant. Leider ist es nie dazu gekommen, weil Hubert kurzfristig zu einem Spezialeinsatz nach Dänemark abberufen wurde. Durch seine jahrelange Berufserfahrung und seine Spezialausbildung wurde er trotz seines baldigen Renteneintritts um seine Expertise und Unterstützung zu diesem Fall gebeten. Seither sind die Monate ohne Kontakt zwischen uns einfach so verstrichen. Die einzige Verbindung ist derzeit der Walter, der mir regelmäßig Grüße von seinem Bruder bestellt. Ob ich ihn wiedersehen werde? Vielleicht schon bald?
Prinzipiell bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich einer neuen Beziehung nicht abgeneigt wäre, allerdings nicht um jeden Preis.
»Trotzdem«, protestiere ich. »Mein Liebesleben bleibt tabu, hörst du!«
»Herrgott ja, dann halte ich mich eben künftig raus. Mir ist es egal. Das eine sag ich dir: Beschwere dich nie bei mir, wenn du einsam und allein vor dich hinwelkst, gell!«
»Ach, Liesl, das tue ich nicht – ich habe ja dich und deine emotionale Wärme«, säusele ich und schicke ihr ein Luftküsschen zu, woraufhin sie die Augen verdreht.
»Schau, Klara, hast du mal darüber nachgedacht, welche Entwicklung du im letzten Jahr vollbracht hast? Mei, das ist beachtlich. Das kann man doch kaum in Worte fassen. Vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan.«
Na, das ist ja …! Jetzt schlucke ich. Das ist ja allerhand! Unglücklicher hätte sie es kaum ausdrücken können.
»Geht’s vielleicht etwas freundlicher?«, fauche ich leicht säuerlich.
»Hmm.« Sie legt für einen Moment den Kopf in den Nacken und überlegt. »Von der Made zum Schmetterling«, versucht sie es dann erneut und klingt dabei übertrieben poetisch. »Besser?«
Beleidigt verschränke ich die Arme vor meiner Brust. »Aus Maden werden keine Schmetterlinge!«, korrigiere ich sie. Okay, somit kann ich mir meine Frage auch selbst beantworten: Nein, besser und freundlicher schafft sie es nicht!
Die Liesl ist ein herzensguter Mensch und immer für mich da, aber Gefühle und Empathie sind des Öfteren ein Fremdwort für sie. Aber ja, ich habe mich weiterentwickelt – optisch und charakterlich. Diese Zeit hat mich sehr geprägt und mir Substanz abverlangt. Oft frage ich mich, wie ich das alles gestemmt habe. Denn eigentlich mochte ich meinen öden, faden Alltag und hätte ihn ohne diese Geschehnisse nie verändert, wenn sich Franz-Josef nicht geoutet hätte.
Im Nachhinein betrachtet hat unser Zusammenleben in den letzten Jahren auf einer Lüge basiert. Und dieses ganze Konstrukt, von dem ich geglaubt habe, es sei echt, ist in einem einzigen Augenblick zusammengebrochen. Wütend, verzweifelt und gedemütigt hat es für mich geheißen: alles auf Anfang – und das mit fünfundsechzig. Einem Alter, in dem man in der Regel über die Blüte des Lebens hinaus ist. Ich habe in dieser Zeit mein gesamtes Dasein angezweifelt, und so weh es mir auch tat, ließ ich meinen Mann ziehen, gab ihn frei. Ja, und das ist mir schwergefallen. Doch mit jedem weiteren Besuch besagter Selbsthilfegruppe konnte ich ein bisschen mehr loslassen.
»Klara!«, ermahnt mich die Stimme neben mir.
»Lass mich doch ein paar Sekunden im Selbstmitleid suhlen, Liesl.«
»Fesch schaust du aus, lass dir das gesagt sein.«
Ihr Kompliment tut meiner Seele allerdings gut. Endlich habe ich meine wahre Schönheit erkannt, bin viel selbstbewusster geworden und schaffe es, klar zu artikulieren, was ich möchte. Auch wenn mein Körper vom Alter und den Wechseljahren gezeichnet ist, bin ich zufrieden mit mir. Ich meine, ganz ehrlich, jedes Gewebe lässt einmal nach, und meine Oberweite hat schon vor längerer Zeit das One-Way-Ticket ins Erdgeschoss gebucht. Trotzdem akzeptiere ich mich und bin froh, dass ich mir mit meiner neuen Frisur so einen Gefallen getan habe.
Ja, ich habe zwar meine große Liebe verloren, dafür aber einen besten Freund – oder besser gesagt zwei Freunde dazugewonnen.
Plötzlich reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Wer …?
Kapitel 2
»Buongiorno, Signora Klara!«
Als ich intuitiv nach oben zum ersten Stock des Hauses schaue, erblicke ich ihn – den Übeltäter! Den Mann mit dem gottverdammten Radio!
Er steht am geöffneten Fenster des zukünftigen Schlafzimmers und winkt mir freundlich zu. Sein Grinsen ist schon fast spitzbübisch. Seit Neuestem macht er das immer, wenn er mich sieht. Was er sich wohl davon verspricht? Ich setze ein gekünsteltes Lächeln auf, weil ich ihm seine Gerätschaft samt Orgelgeplänkel sonst wo hinstecken möchte. Beruhige dich, Klara, beruhige dich!
»Na, aber hallo! Wen haben wir denn da?« Meine Freundin zeigt sich plötzlich ganz andächtig und fixiert den Mann mit ihrem prüfenden Blick. »Den habe ich hier überhaupt noch nie gesehen.«
»Das ist der Giovanni, unser Bauleiter. Seines Zeichens Orgelfetischist, Alleskönner, und er kommt meistens am Nachmittag.«
Nervös rutscht die Liesl auf ihrem Stuhl hin und her und mustert mich anschließend durchdringend. Sie heckt etwas aus, das sehe ich. Ach, die Liesl und ihre zweideutigen Gedankengänge.
»Giovanni, der Alleskönner, der am Nachmittag kommt. Soso …«, wiederholt meine Freundin amüsiert.
»Tzzz … Liesl Rothberger, deine Fantasie möchte ich haben«, erwidere ich kopfschüttelnd. »Der Begriff Alleskönner bezieht sich für mich auf sämtliche handwerkliche Tätigkeiten des Innenausbaus. Im Moment streicht er zum Beispiel die Wände, und nächste Woche wird er den Boden verlegen.«
»Ihr streicht bereits die Wände?« Die Liesl ist von dieser Tatsache sichtlich überrascht.
Ich nicke zustimmend.
»Mei, Klara, warum beschwerst du dich denn dann? Von wegen das Haus gleicht den Trümmern deines Lebens. In ein paar Wochen ist der Spuk vorbei, Fassade rauf, und gut ist es«, versucht sie, mir die positive Seite des Baufortschritts aufzuzeigen, und zupft dabei an ihrem knallroten Haar herum. »Krönchen richten, Brust raus, Bauch rein und weiter geht’s, gell.«
Das sagt sich so leicht!
Bevor ich ihr antworten kann, dringt erneut Giovannis Stimme an mein Ohr. »Ist heute nicht ein wunderschöner Tag, Signora Klara?«, schmettert er in seinem akzentbehafteten Deutsch und deutet mit ausgestreckten Armen zum Himmel.
Ja, durchaus! Und noch schöner wäre er, wenn dieses Radio ein für alle Mal verschwinden würde.
Bei genauerer Betrachtung merke ich, was für ein attraktiver Kerl der Giovanni mit seinen kurzen dunklen Haaren, seinem leichten Bartansatz und der sonnengebräunten Haut ist. Der Mitte Fünfzigjährige wirkt sportlich und muskulös. Bisher ist mir seine Attraktivität nie aufgefallen. Doch heute riskiere ich einen zweiten Blick. Die relativ eng sitzende blaue Jeans und ein pinkes Poloshirt mit aufgestelltem Hemdkragen stehen ihm ausgezeichnet. Auf dem Rücken des Shirts ist in großen weißen Buchstaben ein Werbeslogan eingestickt: »Wir bauen für Sie! Ihr Bauunternehmer Walter Müller«. Pink ist die Firmenfarbe des Bauunternehmens.
Ich ertappe mich dabei, wie ich gerade beginne, ein bisschen Gefallen an unserem Giovanni zu finden. Im Stillen rufe ich mich selbst zur Ordnung: Schluss damit! Ich versuche, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, was mir jedoch nicht gelingt. Schlussendlich lande ich wieder beim gleichen Thema – nämlich beim Giovanni und seiner ansprechenden Optik! Bei genauerer Betrachtung erinnert er mich ein bisschen an diesen italienischen Sänger … Wie heißt der noch mal?
»Also ehrlich? Er ist ein steiler Zahn, schau ihn dir nur an«, flötet die Liesl und zupft sich ihr ohnehin schon perfekt frisiertes Haar noch akkurater zurecht. »Die Männer hier im Dorf sind teilweise solche plumpen Bierdurchlaufaggregate. Aber der Giovanni! Was für eine Aura! Der strahlt etwas Anmutiges aus. Findest du nicht?«
»Mhm«, antworte ich ihr, und wir blicken beide gleichzeitig zu ihm nach oben.
»Weißt du, an wen er mich erinnert? An diesen italienischen Schmusesänger. Diesen Schwarm, bei dem alle Frauenherzen schwach werden. Diesen … Warte, ich habs gleich.« Sie fuchtelt aufgeregt mit ihren Händen herum, während sie überlegt. Die Falten an ihrer Stirn verraten, wie angestrengt sie nachdenkt. »Ha! Jetzt fällt es mir wieder ein! Na klar«, schreit sie erleichtert auf. »Der Ramatrotti!«
Ich lache herzhaft auf. Ja, genau den habe ich auch gemeint! »Der heißt nicht Ramatrotti. Du meinst den Eros – Eros Ramazotti.«
»Jaja, Ramazotti! Du, mir ist völlig egal, welchen Vornamen er hat. Ein hübscher Mann ist er, und das ist die Hauptsache, gell.«
»So kenne ich dich gar nicht. Normalerweise hast du nur Augen für deinen Karl.« Verdutzt schaue ich sie an, doch sie winkt ab.
»Wie sagt man so schön? Den Appetit darf man sich woanders holen, aber gegessen wird daheim. Wobei …«, beginnt die Rothbergerin zu flüstern und beugt sich in meine Richtung. »Weißt du, der Karl zieht mittlerweile ein richtiges Essen, also einen Schweinsbraten, mir, seiner Ehefrau, vor. Früher, mei, da ist es rundgegangen, ich sag’s dir.«
»Danke, Liesl – auf manche Informationen kann ich durchaus verzichten.«
»Und weißt du, was er für eine Ausrede hat?« Meine Freundin blickt mich mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck an. »›Geh, Liesl‹, meint er. ›Wozu die ganz unnötige Schwitzerei und die Anstrengung? Kochen wir lieber was Ordentliches zum Essen, da haben wir mehr davon.‹«
Der Karl! Ich grinse, denn die Beziehung der beiden ist schon sehr speziell. Meine Freundin hat sich bereits in jungen Jahren fest an ihren Ehemann gebunden und führt seither ein traditionelles, solides Leben. Bis auf seinen einmaligen außerehelichen Ausrutscher vor einiger Zeit, für den sie als Entschädigung ihren Sportwagen, die Chefin1, bekommen hat.
Ich verstehe nur die letzten Worte, denn nun wird es wieder laut, und die Orgel spielt ein Solo. Halleluja!
»Wo kommt dieser Giovanni eigentlich her?«, lenkt die Rothbergerin vom Thema ab, während ich gerade damit beschäftigt bin, mir Gedanken über ihr Liebesleben zu machen.
Ich zucke mit den Schultern. »Italien. Walter hat etwas von Valdobbiadene gesagt.«
Begeistert schreit die Liesl auf. »Mei, genau von dort kommt auch der Prosecco her, den ich so gern trinke. Alle guten Dinge kommen aus Wladobbiandene.« Sie zwinkert mir zu, und ich erkenne die Zweideutigkeit in ihrer Aussage.
»Valdobbiadene«, korrigiere ich sie, woraufhin sie nickt.
»Wladobbiandene, sag ich doch!«
Ich verdrehe die Augen. Wenn sich meine Freundin etwas in den Kopf gesetzt hat, ist sie nicht mehr davon abzubringen. Also gut, ich gebe nach.
»Sie sehen übrigens bezaubernd aus, Signora Klara!«, ruft der Giovanni und unterbricht uns.
Als mein Blick suchend in den ersten Stock schweift, entdecke ich ihn am Außengerüst des Hauses vor der doppelten Terrassentür von Franz-Josefs künftigem Wohnzimmer. In der Hand hält er einen langen, massiven Kehrbesen mit Eisenstiel und breiter hölzerner Kehrleiste, wie er auf keiner Baustelle fehlen darf, um ordentlich sauber zu machen. Nun beginnt er, die Trittflächen des Gerüstes zu kehren. Nur warum? Sollte er nicht drinnen die Wände streichen?
»Oha! Eine Kehrseite hat dieser Italiener!« Die Rothbergerin mustert den Giovanni und grinst dabei.
»Liesl! Spielen deine Hormone verrückt?«, wundere ich mich.
»Ach was! Ich denke nur schon mal etwas weiter … Sag, wäre der nichts für dich, Klara?«
»Wer?«
»Na, der Giovanni!«
Jetzt muss ich aufpassen, dass ich vor Lachen nicht spucke. Unbewusst schwenkt mein Blick zu ihm und natürlich genau auf seine Kehrseite. Schlussendlich komme ich zu folgender Erkenntnis: Meine Freundin hat recht.
»Für den bin ich viel zu alt«, antworte ich, weil der Gedanke daran vollkommen absurd ist. Ich und der Giovanni! Tzzz! »Der ist doch mindestens zehn Jahre jünger.«
»Worauf willst du denn warten? Etwa auf den Ritter in Silberrüstung?« Meine Freundin Liesl zuckt mit den Schultern. »Ja? Da kannst du lange warten, gell. Im Endeffekt ist der sowieso nur wieder ein neuer Depp in Alufolie!«
Das kostet mich ein Schmunzeln und ein Kopfschütteln zugleich.
Die Rothbergerin hält sich die Hand geheimnisvoll vor den Mund und streckt dabei den Zeigefinger in die Höhe. »Man kann mir einiges unterstellen. Zum Beispiel, dass ich empathielos sei oder zu aufdringlich, zu laut, zu stur, dass ich immer mal wieder Wörter falsch ausspreche … Aber eines besitze ich zu tausend Prozent, und zwar eine Beobachtungsgabe. Und wenn der italienische Gott da oben nicht auf dich steht, dann fresse ich einen Besen! Mit Stiel!«
Besen! Das scheint das Stichwort zu sein, denn plötzlich ertönt ein lärmerfülltes Klirren, gefolgt von dem entsetzten Schrei des Italieners.
»He, don’t kehr with dem Besen«, scherzt die Liesl.
Währenddessen greife ich nach meinem Handy, halte für ein paar Sekunden die Taste »2« gedrückt und lege es an mein Ohr. Nach dem dreimaligen Ertönen des Freizeichens hebt mein Gegenüber ab.
»Du, Walter, wir haben ein Problem …«, gestehe ich ihm mehr oder weniger gefasst. Und da läuten sie plötzlich, die Kirchenglocken aus dem Radio. Na bravo!
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