LESEPROBE
Altweiber- Frühling
(Komödie)
»Und was sagst? Wird das Wünschelruterl wieder wedeln, wenn er dich so sieht?«, möchte meine Freundin Liesl vor der Umkleidekabine mit ungeduldiger Stimme wissen.
»Wünschelruterl?«, wiederhole ich leise, sodass nur ich es hören kann, und verdrehe dabei die Augen. Es gibt ja vielerlei Verniedlichungen für das männliche Geschlecht, aber Wünschelruterl ist schon besonders schräg. Ich mag es nicht, wenn die Liesl anzügliche Bemerkungen macht, denn das ist mir peinlich. Durch den kleinen Spalt zwischen dem Ende des blickdichten Vorhanges und dem grauen, glänzenden Fliesenboden sehe ich ihre roten Ledertrachtenschuhe aufgeregt hin und her tänzeln.
»Gleich bin ich fertig, ein paar Sekunden noch«, beruhige ich sie, weil ich einen Moment für mich allein brauche. Ich stehe vor dem bodenlangen Spiegel und mustere meinen Körper, dessen wichtigste Stellen von wunderschöner roter Spitzenunterwäsche bedeckt sind. Im Moment fühle ich mich ein bisschen verkleidet, denn ich habe mein Lebtag noch nie so eine Art Unterwäsche probiert.
Die gepolsterten Körbchen des Büstenhalters zaubern einen dezenten Push-Up-Effekt. Darin sieht mein Busen schön prall aus, fast jugendlich. Die Realität ist natürlich eine ganz andere, denn mit dem Alter lässt die Elastizität des Gewebes auch nach, und so ist an meiner Oberweite schon etwas mehr Haut dran als Füllung drin. Da kann man prophylaktisch Spermidin- und Kollagenkapseln schlucken, wie man möchte. Die Möglichkeiten, der Schwerkraft entgegenzuwirken, sind begrenzt, außer man kennt einen guten Schönheitschirurgen.
Der Büstenhalter sitzt wirklich optimal. Mein Blick gleitet weiter abwärts. Auch im Hüftslip, der selbstverständlich in Farbe und Modell haargenau dazu passt, gebe ich eine relativ gute Figur ab. In den letzten Jahren habe ich Veränderungen an meinem Körper wahrgenommen. Ich meine zu glauben, dass deren Beginn im Zuge des Wechsels vor gut 15 Jahren begonnen hat. An jedem von uns nagt der Zahn der Zeit. Es ist eben wie mit einer Blume, irgendwann verwelkt sie. Die eine früher, die andere später. Trotz alledem darf ich mich keinesfalls beschweren, denn ich bin mit einer relativ schlanken Figur gesegnet. Lediglich die Proportionen haben sich seit dem Beginn des Klimakteriums anders aufgeteilt. Der Bauch ist mehr geworden, dafür der Hintern weniger.
Etwas Kopfzerbrechen verursacht mir jetzt im Moment meine Haut an den Oberschenkeln, die wirkt hier in der Kabine nämlich deutlich unebener und runzeliger als im Schlafzimmerspiegel. Ich meine, dass der Scheinwerfer, der da oben am Spiegel montiert ist, die Schuld daran trägt. Anders kann ich es mir nicht erklären, denn zu Hause sieht das Ganze viel unspektakulärer aus.
Ich seufze, ehe ich versuche, mich mit der Situation abzufinden. Schließlich kann ich sie nicht ändern. Dabei denke ich an die Worte meiner Freundin. »Man muss sich nur trauen«, sagt die Liesl immer und hat mich exakt mit diesen Worten zu dieser Shoppingtour überredet. Allerdings plagt mich nach wie vor ein klein wenig Restzweifel. Darf man im Alter sexy sein oder ist es peinlich? Die Bestätigung von außen würde sämtliche Zweifel beseitigen, aber die fehlt irgendwie, und das schon eine ganze Zeit lang.
»Bin ich tatsächlich noch attraktiv? Oder hat die Veränderung meines Körpers damit zu tun, dass Franz-Josef …?«, murmle ich gedanklich vor mich hin, denke es allerdings nicht zu Ende. Stattdessen drehe ich mich einmal im Kreis herum, damit ich auch meine Kehrseite im Spiegel betrachten kann.
Der Slip ist etwas in die Pofalte gerutscht, es sieht trotzdem oder vielleicht gerade deswegen gut aus. In der Regel bevorzuge ich eher bequeme, breit geschnittene Baumwollunterwäsche und bin wenig begeistert davon, wenn sich ein Slip in die Pofalte zieht. Allerdings geht es um meine Beziehung, und was tut man nicht alles für die Auffrischung des eigenen Liebeslebens? Außerdem gehe ich davon aus, dass ich diese Wäsche ohnedies nur kurz tragen werde, wenn der Plan tatsächlich aufgeht, wie wir uns das ausgedacht haben. Eigentlich, wie die Liesl es sich gedacht und mir mehrmals suggeriert hat. Diese geniale Idee mit dem Shopping stammt schließlich von ihr, denn ich selbst hätte nie daran gedacht.
Heute ist also der Tag der großen Veränderung gekommen und der erste Schritt in die richtige Richtung ist gemacht. Zumindest hoffe ich das genauso, denn Richtungen gibt es schließlich viele.
»Himmel, Herrgott, bist du endlich so weit, Klara?«, fragt mich die Stimme von vorhin. Diesmal etwas energischer, jedoch in derselben auffälligen Tonlage wie immer. Wenn ich die Stimme beschreiben müsste, dann als etwas leicht aufdringlich und nasal. Eines hat die Stimme definitiv, und zwar einen Wiedererkennungswert. Und der ist so eindeutig, dass ich sie aus Tausenden sofort heraushören würde. Manchmal geht sie einem damit ganz schön auf den Keks.
»Ja, ich bin bereit«, erwidere ich leicht genervt, weil ich mich ungern stressen lasse. Anschließend ziehe ich den schwarzen, blickdichten Vorhang der Kabine zur Seite. »Und? Was sagst du?«, möchte ich erwartungsvoll wissen und stütze meine Hände an der Hüfte ab. In etwa so, als wäre ich ein Model am Ende des Laufsteges.
Die Liesl lächelt und klatscht begeistert in die Hände. »Mei, das ist perfekt. Bis auf das Posen, das musst du noch üben, gell.«
»Selbstverständlich werde ich das«, entgegne ich augenzwinkernd. »Wie findest du die Farbe? Zu aufdringlich? Wäre ein dezentes Schwarz unter Umständen vielleicht passender?«
Die Rothbergerin verdreht die Augen. Da sie die Farbe Rot ja selbst nur zu gern trägt, ist die Frage wohl eher die falsche. Ihre Antwort bekomme ich postwendend präsentiert.
»Schwarz. Tzzz … du gehst ja auf kein Begräbnis. Rot wie die Liebe! Rot wie die Lust! Rot wie die Leidenschaft!«, philosophiert meine Freundin vor sich hin und gestikuliert dabei mit ihren Händen. »Da wird’s rotieren, das Wünschelruterl vom Franz-Josef, gell.« Sie grinst und lässt währenddessen ihren ausgestreckten Zeigefinger kreisen.
Ich verdrehe die Augen, obwohl ich eigentlich viel lieber davonlaufen würde, weil die Liesl und ihre Anmerkungen mir zuwider sind. Ich schaue die Verkäuferin an und sie mich.
»Darf ich?«, fragt sie etwas zurückhaltend und deutet auf den BH, den ich gerade trage.
»Selbstverständlich«, antworte ich ihr, und sie beginnt im nächsten Moment an dem Spitzen-BH herumzuzupfen. Dabei stehe ich still wie eine Statue, ich bewege mich keinen Zentimeter. Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn an einem herumgezupft wird. Vor allem, wenn das eine Frau macht und noch dazu eine völlig fremde.
»Würden Sie sich bitte einmal kurz drehen«, fordert sie mich in einem schönen Hochdeutsch auf und zeichnet mit ihrem Zeigefinger einen Kreis in die Luft. Wie ich sofort an dem leichten Akzent erkenne, spricht sie sonst im Dialekt. Öfters fällt mir auf, dass meine Gesprächspartner plötzlich anders sprechen, wenn wir miteinander kommunizieren. Möglicherweise liegt das an meinem korrekten Hochdeutsch, das ich mir einfach nicht abgewöhnen kann – trotz der vielen Jahrzehnte, die ich bereits auf dem Land lebe. Vermutlich fühlen sich meine Gesprächspartner in einer Art und Weise genötigt, es mir gleichzutun. Schon möglich, dass sie glauben, ich würde die Dialektsprache in keiner Form verstehen, allerdings ist dem nicht so.
Es fühlt sich befremdlich an, sich auf Befehl wie ein Zirkuspferd im Kreis zu drehen, aber was soll es. Schließlich möchte ich eine ehrliche Meinung zur Passform der Unterwäsche hören. Als ich wieder am selben Fleck in selbiger Position wie vorher angekommen bin, zupft die Verkäuferin abermals kurz an mir herum. Diesmal ist es der Slip, an dem sie sich zu schaffen macht, und ich spüre dadurch eine Erleichterung in meiner Pofalte.
»Wie fühlen Sie sich?«, möchte die Verkäuferin in ihrem dunkelblauen Langarm-Etuikleid wissen und sieht mich dabei mit einem eindringlichen Blick an. Sie trägt ihr braunes, schulterlanges Haar offen. Währenddessen mustert sie mich mit Argusaugen von Kopf bis Fuß.
»Bis auf den Slip, der ständig meine beiden Pobacken trennt, ganz gut«, melde ich ihr ehrlich zurück.
Anstatt zu antworten, lacht sie.
»Na ja, du trägst Reizwäsche, Klara«, belehrt mich die Liesl, während sie angeregt mit ihren Händen gestikuliert. »Die ist schnell wieder ausgezogen, wenn du weißt, was ich mein«, merkt sie nebenbei an und zwinkert mir dabei durch ihre rote Brillenfassung zu. Mit dieser Brille erinnert sie mich irgendwie an eine Katze. Der Form wegen, weil sie an den Enden nach oben hin leicht zugespitzt verläuft. Außerdem wirkt sie durch die Brille sehr intellektuell.
»Wohlfühlen sollen Sie sich schon. Auch wenn’s nur für kurze Zeit ist«, ermuntert mich die Beraterin und widerspricht somit klar und deutlich meiner Freundin. »Denn wenn dieser Faktor passt, dann strahlen Sie das definitiv aus.«
Ich schätze ihre Ehrlichkeit, weil ich dadurch das Gefühl habe, dass sie mir nichts verkaufen möchte, das ich nicht will. Als ich sie noch einmal anschaue, komme ich schließlich zum Entschluss, dass sie ungefähr Mitte vierzig sein dürfte.
»Papperlapapp, den Zweck soll’s erfüllen. Wissen S’, es ist nämlich so«, beginnt die Liesl zu erklären und beweist damit, dass sie wieder einmal das letzte Wort haben muss. Auch wenn nicht sie, sondern die Dame im blauen Etuikleid daneben die Unterwäschefachkraft ist. Mir wird schlagartig schlecht, da ich in der Tat weiß, was sie vorhat und gleich von sich geben wird. Herrje!
Elisabeth Rothberger alias Liesl ist seit Jahrzehnten meine beste Freundin, aber sie ist generell mit Vorsicht zu genießen. Schließlich nennt man sie bei uns im Ort vollkommen berechtigt »die größte Dorftratsche aller Zeiten«. Sie verkörpert sozusagen den Inbegriff einer Klatschzeitungsreporterin. Die »Nussbachdorfer-TÄGLICH ALLES und noch viel mehr«. Möchte man eine Geschichte schnell in Umlauf bringen, ist sie die Richtige dafür. Und wäre ich nicht auf ihre Kreativität angewiesen, mein Liebesleben wieder einigermaßen in geordnete Bahnen zu lenken, hätte ich die Shoppingtour allein absolviert. Denn mir ist vollkommen bewusst, dass im allerschlimmsten Fall morgen ganz Nussbachdorf über meine roten Dessous Bescheid weiß. Zuerst erfährt es die Rosi, die als Kassiererin bei uns im Supermarkt arbeitet, und dann die Maria, die fleißige Bedienung hinter der Theke beim Fleischer Salzer. Ob die Liesl nun meine beste Freundin ist oder nicht, spielt keine Rolle, wenn es etwas zu tratschen gibt. Einmal richtig in Fahrt, wird erbarmungslos getratscht.
»Es ist so … bei der Klara und ihrem Mann … da läuft’s … «, sie pausiert kurz und sieht mich an. Ich zeige ihr klar und deutlich mit meiner Mimik, dass sie still sein soll, allerdings scheint sie das wenig zu beeindrucken, zumal sie Luft holt, um den Satz zu Ende zu bringen. »Wissen S’, da läuft’s suboptimal«, setzt sie fort, und ich bin im ersten Moment schrecklich dankbar dafür, dass sie nur oberflächlich darüber spricht. Alles andere wäre ein Fiasko. Die Verkäuferin nickt betroffen und schaut abwechselnd zwischen meiner Begleitung und mir hin und her.
»Da unten soll sich gefälligst was tun«, teilt die Liesl der Dessous-Beraterin ganz selbstverständlich mit und deutet mit beiden Händen auf ihren Lendenbereich. »Verstehen Sie?«
»Ja, das tue ich«, antwortet die Frau umgehend. »Klar und deutlich!«
Mir ist das mehr als unangenehm, doch zum Glück sind wir hier ein paar Kilometer von zu Hause entfernt und dadurch relativ anonym. In unserem Dorf gibt es außer einem Supermarkt und einem Fleischer keine weitere Einkaufsmöglichkeit. Da bedarf es eines Autos oder eines Chauffeurs, um in die nahe gelegene Stadt zu gelangen, welche sich lustigerweise in einem anderen Land befindet. Also pendeln wir ständig zwischen Österreich und Deutschland hin und her, und das in aller Selbstverständlichkeit. Für mich ist es nichtsdestotrotz eine Herausforderung, da ich keinen Führerschein besitze. Die Rothbergerin hingegen schon.
»Also, wenn ich ein Mann wäre und Sie diese Dessous anhätten, könnte ich Ihnen nicht widerstehen«, lobt mich die Verkäuferin und tätschelt mir aufmunternd die Schulter, was sich durchaus positiv anhört.
Ich bin mir jedoch unsicher, ob sie es ernst meint oder ob ich einen Hauch von Mitleid heraushöre. Ist Letzteres der Fall, kann ich mir aussuchen, wofür mich die Dame im blauen Etuikleid im Detail bemitleidet. Wegen meines brachliegenden Liebeslebens oder wegen meiner überdurchschnittlich redseligen Begleitung. Womöglich ist es sogar beides.
»Nimmst du’s?«, möchte meine Freundin von mir wissen und kratzt sich dabei ihr akkurat zurechtgemachtes, kurzes, kupferrotes Haar.
Ich blicke an mir herab und antworte zögerlich. »Der Slip. Also ich …«
Plötzlich schneidet mir meine Freundin das Wort ab und richtet das ihre an die Verkäuferin. Sie gibt mir damit das Gefühl, dass ich Luft wäre, obwohl es ja primär um mich geht.
»Ich pflichte Ihnen vollkommen bei. Würde ich die Klara so sehen und wäre ich ein Mann, dann würde ich sie schneller vernaschen, als ihr lieb ist«, lobt die Liesl mein Aussehen weit über den grünen Klee. »Außer, ich habe eine erektile Dysfunktion«, fügt sie schlussendlich noch hinzu.
»Eine was?«, fragt die Dessous-Verkäuferin mit bestürzter Miene nach, worauf sich auch die meine verfinstert. Schließlich bin ich keinesfalls gewillt, mir hier im Geschäft eine Diskussion über eine mögliche sexuelle Funktionsstörung meines Mannes anzuhören.
»Erektile Dysfunktion! Den Begriff brauchen Sie bloß im Internet nach zu gockeln. Es trifft zu, wenn das Mannsbild keinen …«
»Liesl!«, unterbreche ich sie etwas forsch, bevor sich das Gespräch in eine eindeutige Richtung entwickelt, die mir wenig behagt. Mich ärgert nämlich nicht nur, dass sich »googeln« aus ihrem Munde wie »gockeln« anhört, sondern auch, dass sie irgendwelche Mutmaßungen, die wir beide im Privaten besprochen haben, hier einer völlig Fremden unterbreitet. In diesem Moment erröte ich vor Scham. Um ehrlich zu sein, ist mir das alles hier schrecklich unangenehm.
»Wissen S’, es ist ein Jammer. Derweil ist sie eine wunderschöne Frau, die Klara. Wie kann man da …«
Damit diese entsetzliche Situation ein für alle Mal ein Ende hat, unterbreche ich ihr loses Mundwerk und erkämpfe mir das Wort. »Ich kaufe es!«
Die Blicke der beiden Damen schnellen in meine Richtung und die Liesl lächelt zufrieden. Ohne ihr dabei irgendetwas unterstellen zu wollen – dieses Lächeln sieht süffisant aus. Die Verkäuferin zieht sich derweil mit einem perplexen Gesichtsausdruck zurück in den Kassenbereich. Dieses sonderbare Beratungsgespräch wird ihr wohl noch länger in Erinnerung bleiben, mutmaße ich, um dann dezent grantig in der Kabine zu verschwinden und den Vorhang zuzuziehen. Das mache ich mit einer dementsprechenden Kraft, dass die Metallringe beim Anschlagen ordentlich klirren. Denn dies ist die einzige Möglichkeit, mich nach dieser Bloßstellung abzureagieren.
»Du hast dich vollkommen richtig entschieden, Klara«, raunt Elisabeth von draußen in die Kabine, während ich drinnen überlege, wann und wie ich ihr am besten den Hals umdrehen kann. Unfähig, in diesem verärgerten Zustand etwas Sinnvolles von mir zu geben, schweige ich und ärgere mich im Stillen weiter.
»Übrigens kann ich sehen, wie du die Augen verdrehst«, ruft sie mit einer Selbstsicherheit von draußen in die Kabine herein, was mich letztlich zum Lachen bringt. Es scheint wahrlich zwecklos, wütend auf meine Freundin zu sein. Irgendwie hat sie doch etwas Liebenswürdiges an sich. Außerdem müssen wir uns gezwungenermaßen miteinander arrangieren, denn heute bin ich von ihr abhängig. Sie ist nämlich mein Taxi, der Reizwäschetransport nach Nussbachdorf. Mir bleibt also nur eines übrig, und zwar die ganze Sache halbwegs mit Humor zu nehmen, ändern kann ich sie ohnehin nicht mehr.
»Liesl«, sage ich, während ich mich im Spiegel betrachte.
»Ja?«
»Weißt du, was ich direkt vor mir sehen kann?«, necke ich sie und weiß, dass ihre Neugierde dadurch größer wird.
»Was? Nun sag schon, raus mit der Sprache!«, fordert sie mich in einem Befehlston auf. Jetzt freue ich mich, weil ich sie exakt an dem Punkt habe, an dem ich sie haben möchte.
»Also, ich kann förmlich sehen, wie du beim Fleischer stehst, zwischen all den ganzen Würstchen und dabei halb Nussbachdorf erzählst, wie gut der rote Hüftslip in meiner Poritze sitzt«, scherze ich, während ich mich aus der Spitze schäle und sie akkurat zusammenlege. Wobei dieses Szenario in der Tat nicht so abwegig ist und morgen durchaus Realität werden könnte.
»Ich denke, ich werde zuerst die Rosi an der Supermarktkasse davon in Kenntnis setzen. Solche Sachen muss man strategisch in die Hand nehmen.«
Wir lachen beide gleichzeitig ziemlich herzhaft. Wenige Sekunden später schiebe ich den Vorhang der Kabine zur Seite und stehe fertig angezogen in blauen Jeans und einem glitzernden, hellrosa Strickpullover vor ihr. Vollständig bekleidet fühle ich mich zugegeben um Welten wohler als halbnackt und aufreizend.
»Komm, Rothbergerin!«, fordere ich sie auf und hake mich bei ihr unter.
»Rothbergerin?«, fragt sie ungläubig und schaut dabei verdächtig unschuldig durch die Katzenbrille. »Was hab ich denn nun wieder ausgefressen?«
Es bedarf keiner Erläuterung meinerseits, weil sie die Antwort ohnehin schon kennt, und deshalb spazieren wir leise kichernd direkt in Richtung Kasse.