LESEPROBE
Reisefieber - Teil 1. Jesolo
(Komödie)
Prolog
Genervt werfe ich einen Blick in den Rückspiegel. Die Kinder streiten sich auf dem Rücksitz und es geht wie immer um die Schuljause. Das darf doch jetzt nicht wahr sein! Als wäre es eine Frage von Leben und Tod, ob der Apfel in Spalten oder Hälften geschnitten ist.
Der Supermarkt liegt praktischerweise am Weg zur Schule, doch heute ist die Zeit zu knapp. Zu lange haben die Mädels im Badezimmer getrödelt und ich habe deshalb im Schnellverfahren Brötchen und Obst eingepackt, also genau das, was sie nicht mögen.
»Passt schon, Mädels.« Schlichtend greife ich ein.
Es ist schon beruhigend, wenn man mit acht Jahren keine anderen Probleme hat. Egal, wie sehr ich mich bemühe, seit Wochen kommt die Pausenbox mittags genauso wieder retour, wie ich sie am Morgen gefüllt habe. Deshalb habe ich die letzten Wochen täglich resigniert: Sie haben sich die Jause selbst im Supermarkt ausgesucht, nur heute nicht. Natürlich fällt die ohne Obst und Gemüse aus. Aber was solls, sie ernähren sich ja sonst auch fast ausschließlich von Reis, Nudeln ohne Soße und Pommes. Gemüse geht nur, wenn es püriert und möglichst nicht mehr als solches zu erkennen ist.
Ich seufze, denn um ehrlich zu sein, habe ich mir mein Mutterdasein irgendwie einfacher vorgestellt.
Mein Blick schweift zur Digitalanzeige am Armaturenbrett. Sieben Uhr dreißig. Mist! Die Schule beginnt in zehn Minuten, das wird knapp. Wenn ich Gas gebe und über die bereits gelb blinkende Ampel da vorn fahre, dann schaffen wir es.
Als die Ampel auf Rot umspringt, brettere ich mit Vollgas über die Kreuzung. Geschafft, Hanna!
»Mama«, rügt mich Olivia, »wenn du so weiterfährst, dann landen wir irgendwann einmal im Krankenhaus anstatt in der Schule.«
»Wenn ihr endlich einmal aufhören würdet zu trödeln, dann müsste ich auch nicht wie eine Gesengte fahren«, kontere ich.
»Heißt das nicht gesengte Sau?«, fragt Laura.
Ich schlucke. »Sag mal, was benutzt du denn für Ausdrücke? Wohin sind denn nur meine zwei süßen Babys verschwunden?«, frage ich in Richtung Rückbank, doch ich erhalte keine Antwort.
Fünf Minuten später kommen wir endlich an.
Wie jeden Tag halte ich auch heute auf dem Busstreifen, um meine beiden Zwillingsmädchen im Eilverfahren rausspringen zu lassen. Natürlich verstoße ich dabei gegen sämtliche Verkehrsregeln. Die Leiterin des Elternvereins hat mich schon mehrmals dafür gerügt. »Der Bushaltestreifen ist für Busse und nicht für gestresste Eltern«, hat sie mit ihrer unerträglich keifenden Stimme gesagt. Aber ich ignoriere es trotzdem. Die Parkplätze rund um die Schule sind rar und die Zeit, ist permanent mein Gegner. Also was solls.
»Ich hab euch lieb. Zu Mittag stehe ich genau hier und hole euch ab«, sage ich, verabschiede mich von den beiden und schicke ihnen einen Luftkuss zu. Seit Neuestem bin ich ihnen nämlich peinlich und musste schwören, dass es ab sofort keine öffentlichen Küsse mehr geben würde. Ja, das bringt die dritte Klasse Grundschule so mit sich. Mamas werden uncool und peinlich. Und die Väter … hm, das Thema lassen wir jetzt lieber.
»Tschüss, Mami!«, rufen die beiden im Chor, knallen die Autotüren zu und eilen in Richtung Schuleingang.
Sehnsüchtig blicke ich ihnen nach und stelle fest, wie groß sie schon geworden sind. Dann lege ich die Stirn auf das Lenkrad und atme tief durch.
Noch vor ein paar Jahren ist mein Leben ganz anders gewesen: beruflich erfolgreich, Reisen, einen tollen Mann an meiner Seite und eine Menge Zeit nur für mich. Ich hatte eine Figur, um die mich Kolleginnen beneidet haben. Und dann ist mein Leben irgendwann aus den Fugen geraten.
Heute bin ich 38 Jahre, die Hose spannt und außerdem sollte ich mir dringend einen Job suchen, um besser über die Runden zu kommen. Der Mann, der damals gesagt hat, ich sei die strahlende Sonne seines Lebens, wärmt jetzt eine junge Yogalehrerin mit Zahnpastalächeln. Wenn ich die Kinder zu ihm bringe, rieche ich ihr Parfüm schon, bevor ich sie sehe. Ich hasse sie, aber dieses Parfüm ist einfach göttlich.
Mein Alltag als Alleinerziehende besteht aus Wäschebergen, Schulzetteln, Spaghetti mit Ketchup und der ständigen Frage, ob das Geld reicht. Ex-Männer sind da meist im Vorteil. Meiner zum Beispiel nimmt die Zwillingsmädchen jedes zweite Wochenende und turnt den Rest mit seiner Yogaperle herum. Ich dagegen lebe zwischen Chaos und Müdigkeit, und das knapp vierzehn Tage durchgehend. Leider leben meine Eltern in einem anderen Bundesland und die meines Ex-Mannes auf Gran Canaria, weshalb ich auch auf ihre Unterstützung nicht zählen kann. Manchmal habe ich das Gefühl, festzustecken, auf der Stelle zu treten. So, als hätte jemand auf Pause gedrückt und vergessen, mich wieder zu starten. Ob ich das Ganze auf Dauer stemmen kann? Puh, ich weiß es nicht.
Plötzlich reißt mich ein lautes Hupen aus meinen Gedanken. Ich erschrecke und blicke in den Rückspiegel. O Gott, der Bus ist da. Der Busfahrer fährt mir gefährlich knapp auf und betätigt mehrmals hektisch die Lichthupe.
»Ja, ja! Ich fahre ja schon weg.«
In dem Moment klopft es an meine Seitenscheibe. Was ist denn jetzt schon wieder? Herrje, der Elternverein marschiert an! Draußen steht Natalie – Vorzeigemama, Obfrau – also Vorsitzende und wandelndes Handbuch für perfekte Kindererziehung. Na, die geht mir vielleicht auf den Keks!
»Hanna, der Bus. Wie oft hab ich dich schon gebeten, nicht …!«, ruft sie von draußen herein und klopft dabei mit der flachen Hand aufs Autodach. Sie grinst, doch ich sehe die überspielte Aggression hinter ihrem Lächeln.
»Sorry!«, schreie ich zurück und schneide ihr damit das Wort ab, obwohl ich eigentlich viel lieber »Geh kacken, Natalie, du Vorzeigemama mit Klobürstenlocken!« schimpfen möchte.
Dabei sehen meine Locken gerade selbst wie eine Klobürste aus. Ich will blinken, aber anstatt dessen erwische ich den Hebel für den Scheibenwischer.
»Darf das wahr sein?« Fluchend stelle ich den Scheibenwischer wieder aus und setze den Blinker. Diesmal klappt es. Nach einem Schulterblick parke ich aus.
Pfff, geschafft!
Auf dem Heimweg laufen mir Tränen über die Wangen. Tränen der Wut, Überlastung und auch ein bisschen aus Erleichterung. Tränen, weil sich gefühlt nicht nur die Obfrau, also die Vorsitzende des Elternvereins, und der Busfahrer, sondern die ganze Welt gegen mich verschworen hat.
Ich blicke in den Rückspiegel und erschrecke. Mein Gott, wie ich aussehe, genauso, wie ich nie werden wollte. Verquollene Augen, Schlabberlook und diese struppigen spröden Haare, die dringend nach einem Friseurbesuch rufen.
Wann hast du eigentlich aufgehört, dich um dich selbst zu kümmern, Hanna?
Ich lache bitter und schalte das Radio ein. Schlager. Nein, auf keinen Fall! Ein Griff zum Knopf, der Sender wechselt. Ja, das ist viel besser. Ich wippe mit dem Kopf im Takt und singe leise mit. Meine Haare stehen zwar immer noch in alle Richtungen ab, aber irgendwie passt es jetzt viel besser als vorhin.
Als ich in unsere Wohnstraße einbiege, fühle ich mich etwas besser. Unser Reihenhaus mit Garten ist mein Safe Space. Am liebsten würde ich mich hier 24/7 einigeln, wobei ich es dringend nötig hätte, endlich mal rauszugehen. Also, nur ich, ohne Kinder.
Nachdem ich das Auto im Carport geparkt habe, leere ich im Vorbeigehen den Postkasten. Auf den ersten Blick ist es ein simpler Werbeprospekt. So etwas Unnötiges. Ich werfe einen kurzen Blick auf den bunten Stapel Papiere in meiner Hand und schließe die Haustür auf. Als ich den Flur betrete, stolpere ich gleich einmal über eine Legopferdekutsche. Mist! Hrrr! Meine Mädels nennen die komischen Pferde, die vor die Kutsche gespannt sind, Thestrale. Das sind irgendwelche Fabelwesen aus Harry Potter. Fluchend reibe ich mir mit der Hand meine Großzehe, weil sich der Flügel des Thestrales richtig in die Haut hineingebohrt hat. Jedes der Mädels hat doch ihr eigenes Zimmer, warum zum Teufel liegt das Spielzeug dann in unserem Flur herum?
Bevor ich vor Wut laut losschreie, atme ich tief durch. Jetzt mal ganz ehrlich: Meine derzeitige Lebenssituation ist schon sehr beklemmend, fast schon erdrückend.
Kurze Zeit später sitze ich am Küchentisch, umgeben von Stille, Unordnung in Form von Spielzeug und Werbeprospekten. Ich blättere gedankenlos durch einen davon, bis mir ein einzelnes A4-Blatt ins Auge springt. »Kaffeefahrt – eine Woche Adria zum Schnäppchenpreis im Mai!«, steht da in dicken, schwarzen Buchstaben. Ich lache. Wer fährt denn bloß auf eine Kaffeefahrt? Tzzz. Das ist doch reine Abzocke, auch wenn der Urlaub noch so günstig ist. Für mich wäre das nichts, deshalb lege ich es weg und blättere durch den Prospekt eines Supermarktes.
Die Milch ist im Sonderangebot, da muss ich heute unbedingt hin.
Ich stutze, lege den Prospekt zur Seite und nehme noch einmal den A4-Zettel der Kaffeefahrt zur Hand. Adria zum Schnäppchenpreis. Italien ist nicht Thailand, aber es gibt dort definitiv einen Sandstrand. Ich rechne rein theoretisch im Kopf nach, ob die Reise in meinem Budget liegen würde.
Ach, was für ein Unsinn, Hanna.
Belustigt über mich selbst schüttle ich den Kopf. Möchte ich tatsächlich sechs Tage lang wegfahren – allein? Nein, ich kann doch meine Töchter nicht einfach bei ihrem Vater parken. Fast eine ganze Woche weg von zu Hause. Eine Woche nur ich, Sonne, Strand und Meer. Keine Schulbrote, kein Ex, kein Chaos. Ich nehme mein Smartphone zur Hand, tippe den Reisepreis in den Taschenrechner ein, dann schweift mein Blick in den Garten.
Das ist doch wohl ein schlechter Scherz. »Aron!« Entsetzt schlage ich mir die Hände vor den Mund.
Unser Labrador steht direkt vor dem bodenlangen Fenster der Küche im Garten und hat einen Busch Grünzeug im Maul.
»Den habe ich doch gestern erst gepflanzt. Geh, Aron, der ist doch aus der teuren Gärtnerei an der Hauptstraße.«
Ich seufze und möchte am liebsten weglaufen. Es ist so frustrierend, das Gefühl zu haben, auf der Stelle zu treten. Frustrierend, wenn nichts gelingt und gefühlt jeder gegen einen arbeitet. Mein Ex-Mann, der Busfahrer, der Elternverein und jetzt auch noch der Hund und das Grünzeug. Großartig!
»Es reicht! Ab heute wird sich hier einiges ändern!« Entschlossen nehme ich zuerst den Prospekt und dann mein Telefon zur Hand.
Kapitel 1
Als der graue Bus mit der roten Aufschrift »Sparfuchs-Reisen GmbH« auf den Parkplatz einfährt, werde ich nervös. Jeden Tag der letzten drei Wochen habe ich daran gedacht und nun ist es endlich so weit, das Abenteuer Jesolo kann beginnen. Markus, mein Ex-Mann, hat sich wider Erwarten sofort bereit erklärt, Urlaub zu nehmen, um die Woche über bei uns im Haus zu wohnen und die Mädels zu betreuen. Diese Umgebung ist nicht nur ihm vertraut, sondern auch den Kindern. Ich vermute allerdings, dass sich die Yogaperle geweigert hat, Olivia und Laura samt Hund eine knappe Woche lang bei ihnen in der Wohnung aufzunehmen. Und obwohl ich sie nicht ausstehen kann, würde ich es verstehen.
Zum Glück sind wir mehrere Personen, die hier beim Treffpunkt in Salzburg in den Bus steigen. Außer mir stehen da noch ein Rentnerehepaar und zwei ältere Frauen. Laut Auskunft des Reiseveranstalters kommt der Bus aus München, Salzburg und ist die letzte Möglichkeit, zuzusteigen. Das wird eine interessante Mischung aus deutscher Gründlichkeit und österreichischem Schmäh, würde ich sagen.
Die Senioren stehen bereits erwartungsvoll in Position, bis der Bus endlich stehen bleibt.
Ich lasse ihnen den Vortritt, denn mich stresst heute ausnahmsweise einmal nichts.
Dann ist es endlich so weit. Unter lautem Zischen springt die Bustür auf und der Fahrer, ein Mann älteren Semesters mit grau melierten Haaren, steigt aus. »Willkommen bei Sparfuchs-Reisen GmbH«, begrüßt er uns, sieht dabei aber ziemlich grimmig drein.
Was für eine Laus ist ihm denn über die Leber gelaufen?
Während wir einsteigen, verlädt er unsere Koffer.
»Na, ganz taufrisch schaut der Busfahrer nicht aus. Hoffentlich ist er so einer langen Fahrt gewachsen. Man weiß ja nie«, flüstert eine der beiden Frauen vor mir.
Eine trägt eine Kurzhaarfrisur, die andere einen akkurat gewickelten Dutt.
Bin ich gerade im falschen Film? Zwei Rentnerinnen sorgen sich um das Alter des Busfahrers, obwohl sie im gefühlt gleichen Alter sind und das Pausenbrot getauscht haben könnten.
Ich betrete den Bus. Auf dem Fahrerplatz sitzt eine braunhaarige Frau, ebenfalls älteren Semesters, und begrüßt uns freundlich. Vielleicht ist das die Reiseleiterin? Sie hält zuerst die beiden Frauen vor mir auf, dann mich.
»Ihren Namen bitte«, sagt sie und mustert mich dabei von oben bis unten.
»Hanna Moser«, entgegne ich, während sie mich auf ihrer Liste sucht, die sie in der Hand hält.
»Momentchen. Ah, da haben wir Sie schon«, meint die Frau und setzt mit dem Kugelschreiber einen großen Haken unter meinen Namen, »wissen Sie, Ihr Geburtsdatum ist mir gleich aufgefallen. Sie sind sozusagen das Küken in unserer Runde.«
»Das Küken? «, wiederhole ich. »Aha.«
Sie nickt zufrieden. »Als Ihre Reiseleiterin wünsche ich Ihnen eine gute Reise, Frau Moser.«
Ich weiß nicht, was mich mehr irritiert, das Wort Küken oder die Tatsache, dass ich es gerade widerspruchslos akzeptiert habe. Aber jetzt bin ich schon im Bus und ein Rückzieher kommt nicht infrage, deshalb halte ich Ausschau nach einem Sitzplatz. Die vorderen Reihen sind bereits belegt und mir wird bewusst, was die Reiseleiterin mit »Küken« gemeint hat. Ich bin umgeben von Rentnern. Ausschließlich. Verzweifelt versuche ich, ein junges Gesicht in den hinteren Reihen zu erkennen, aber es ist vergebens.
Für einen Moment halte ich die Luft an. Reiß dich zusammen, Hanna, vielleicht wird es ja am Ende besser, als du denkst.
»Wenn sich Frau Moser setzen würde, wären wir startbereit«, schmettert die Stimme der Reiseleiterin aus dem Mikrofon.
Ich zucke zusammen. Ein kurzer Blick durch den Bus genügt. Alle sitzen, nur ich stehe noch. Na wunderbar! In Reihe dreizehn ist noch ein Platz frei – der allerletzte.
»Darf ich?«, frage ich die Dame mit den kurzen lila Haaren, die am Fensterplatz sitzt und mir freudig entgegenlächelt.
»Freilich, klar«, antwortet sie und klopft mit der Handfläche symbolisch auf den leeren Sitz neben sich. Sie macht das so energisch, dass ihre weißen Hängeohrringe zu baumeln beginnen.
»Danke«, entgegne ich, während ich mich auf dem Sitz niederlasse und meine Handtasche zu den Füßen auf den Boden stelle. Dabei überlege ich, wie sie ihre Haare so schön lila hinbekommt.
Dann sehe ich mich um. Um mich herum ein Meer aus grau-weißen Köpfen, dazwischen vereinzelt auch andere Farben. Es riecht nach Hustenbonbons, Thymiancreme und etwas, das verdächtig nach Leberwurstbrot duftet. Als mein Blick an meiner Sitznachbarin hängen bleibt, fällt mir auf, dass sie ein gelbes Etwas auf ihrem Schoß sitzen hat. Ich wage es, sie etwas genauer zu mustern, was ihr offensichtlich nicht entgeht. »Das ist der Ludwig«, informiert sie mich ganz selbstverständlich und hält mir das gelbe Plastikhuhn vor die Nase.
»Ah, Ihre Reisebegleitung?«, frage ich nach, weil ich nicht weiß, was ich sonst drauf hätte antworten sollen. Schließlich ist es schon etwas seltsam, ein Gummihuhn namentlich vorzustellen.
»So in etwa, ja. Wir sind unzertrennlich, wissen Sie. Aber darf ich etwas ganz anderes fragen?«, möchte sie von mir wissen und mustert mich dabei von Kopf bis Fuß.
Ich nicke.
»Sind Sie freiwillig hier, oder haben Sie Ihre Eltern quasi als Betreuerin eingeschleust?«
Das kostet mich ein herzliches Lachen. »Nein, nein. Ich reise schon freiwillig«, antworte ich, »wobei ich keinesfalls damit gerechnet habe, dass …« Ich stoppe mitten im Satz, weil ich kurz überlegen muss, wie ich meine Gedanken am besten wertfrei ausdrücken kann.
»Dass Sie mit lauter alten Schachteln in einem Reisebus landen werden. Das wollten Sie doch sagen, oder?«
Ich verziehe die Lippen zu einem schiefen Lächeln.
»Ha!« Sie klatscht in die Hände. »Hab ich’s mir doch gedacht. Die meisten in Ihrem Alter buchen nämlich eher Yoga auf Bali als eine Kaffeefahrt an die Adria, gell.«
Ich lächle gequält und räuspere mich. »Yoga hat mein Ex-Mann neuerdings für sich entdeckt, da passe ich.«
Sie zieht eine Augenbraue hoch und starrt mich fragend an, genauso wie das Gummihuhn auf ihrem Schoß. Mit dieser Anmerkung habe ich offensichtlich ihre Neugierde geweckt. Okay, das heißt jetzt wohl, dass ich die Aussage nicht so stehen lassen kann.
»Nur damit Sie den Zusammenhang verstehen. Seit er mit einer Yogalehrerin zusammen ist, glaubt er, er wäre erleuchtet. Wahrscheinlich trägt der herabschauende Hund sein Nötigstes dazu bei. Da fließt nämlich das ganze Blut in den Kopf hinein.«
Die Dame kichert. »Na immerhin, der Hund macht wenigstens Bewegung, gell.«
»Mehr als früher«, merke ich trocken an, »denn früher hat er höchstens den Müll runtergetragen und auch nur dann, wenn ich ihn darum gebeten habe. Wissen Sie, bei uns ist die Verteilung so gewesen: Ich bin zu Hause bei den Kindern gewesen, und er hat rund um die Uhr gearbeitet.«
»Und jetzt trägt er die Yogamatte statt den Müll, oder wie darf man das verstehen?«
»Ja, und sein Riesenego mit dazu. Wissen Sie, seine Neue, also, die Yogaperle, ist nämlich zehn Jahre jünger.«
Meine Sitznachbarin lacht auf. »Wenn Sie so weitermachen, junge Frau, wird das hier die unterhaltsamste Kaffeefahrt, die ich je erlebt habe, gell. Ihr Humor ist einzigartig!«
»Und ich habe geglaubt, er wäre irgendwo zwischen den Wäschebergen verloren gegangen. Danke schön, so ein Kompliment hat mir noch niemand gemacht«, entgegne ich und lehne mich zurück. »Wissen Sie, ich habe mich für diese Reise hier entschieden, weil ich endlich einmal zur Ruhe kommen möchte. Die letzte Zeit ist turbulent gewesen – fast zu turbulent.«
»Ruhe?« Meine Sitznachbarin prustet los und schüttelt den Kopf. »Das wird auf einer Kaffeefahrt schwer möglich sein. Warten Sie nur, bis jemand die Schlager-CDs vorn beim Busfahrer einlegt. Da geht die Post ab.«
Wir schauen uns an und lachen beide. Obwohl sich der Part mit der Schlager-CD schon irgendwie ein wenig nach einer Drohung anhört. Soll mich das beunruhigen? Nein!
»Mein Name ist übrigens, Hanna. Hanna Moser aus Salzburg«, stelle ich mich vor und strecke ihr die Hand zum Gruß aus.
»Servus, ich bin die Maria aus Bayern. Und das ist der …« Sie hält ihr knallgelbes Huhn in meine Richtung.
Ich komme ihr zuvor. »Der Ludwig, ich weiß.«
Maria nickt, und links neben mir werden die Stimmen plötzlich lauter. Die zwei Damen, die ebenfalls in Salzburg eingestiegen sind, unterhalten sich über ihre Haustiere und die ganz besonderen gesundheitlichen Vorteile von Leinsamen.
»Weißt du Hilde, mein Mops, der Gustl, der hat es ganz schlimm mit den Gelenken, aber seit ich ihm jeden Tag einen Teelöffel Leinsamen aufweiche und unters Futter mische, laufen der Gustl und auch seine Verdauung wieder wie geschmiert!«
»Beeindruckend. Vielleicht sollte ich das meiner Katze Minka auch geben. Sie wirkt ein bisschen steif in der letzten Zeit.«
»Huch! Steif ist nie gut, Hilde. Außer vielleicht in ganz bestimmten Momenten, was?«
»Diese Momente sind in den letzten Jahren rar geworden. Heutzutage freut sich ›Mann‹ mehr über ein ordentliches Mittagessen.«
Beide Frauen kreischen los und halten sich den Bauch vor Lachen. Ich versinke fast in meinem Sitz. An solche offensichtlichen Zweideutigkeiten unter Seniorinnen muss ich mich erst gewöhnen.
Währenddessen positioniert sich die Reiseleiterin inmitten des Ganges und beginnt mit einem übermotivierten Dauerlächeln und einer Stimme wie aus dem Teleshopping-Kanal ins Mikrofon zu säuseln.
»Liebe Gäste, ich heiße Sie auf unserer Werbeveranstaltungsfahrt herzlich willkommen! Mein Name ist Gisela, und ich darf Sie die nächsten Tage, als Ihre Reiseleiterin begleiten.« Sie lächelt charmant durch den Bus. »Gleich vorweg: Wir sind hier eine bunt gemischte Truppe und haben Gäste aus Wien, Salzburg und Bayern an Bord. Was mich allerdings besonders freut, ist, dass diesmal auch mehr Altersklassen vertreten sind.« Sie deutet auf mich, und ich nicke stumm.
Mein Atem stockt. Ob es mutig oder wahnsinnig ist, weiß ich noch nicht. Doch zu genauerer Überlegung reicht die Zeit nicht aus, da Gisela ihre Begrüßungsrede bereits fortsetzt.
»In wenigen Stunden werden Sie unser exklusives Zauberkochgerät – den Zauberkoch 3000 – kennenlernen. Und glauben Sie mir eines: Das Gerät wird ihr Leben verändern. Ideal für die moderne Frau, die wenig Zeit, aber hohe Ansprüche hat!«
»Oder für die Frau, deren Mann sich mit der Yoga-Lehrerin vergnügt, während sie einen Großteil des Tages zwischen Kochen und Bügeln fristet«, flüstere ich mir selbst zu. Offenbar bin ich dann doch etwas zu laut, denn eine der beiden Damen neben mir dreht sich um. Es ist die mit dem Dutt.
»Yoga-Lehrerin?«, fragt sie nach, spricht dann allerdings weiter, ohne meine Antwort abzuwarten. »Sie armes Ding. Ich sag’s Ihnen, manche Männer sind wie Staubsauger.«
Fragend ziehe ich meine Augenbrauen hoch. »Staubsauger?«
»Ja, Staubsauger. Wenn sie funktionieren, sind sie ganz praktisch. Aber meistens machen sie nur Lärm und stehen unnötig im Weg herum.« Sie lacht hämisch. »Was sagst du dazu, Heidi?«
Die beiden heißen also Hilde und Heidi. Heidi trägt die Kurzhaarfrisur und Hilde den Dutt.
»Mein Gott, ja.« Heidi tippt sich mit den Fingern an die Wange. »Da fällt mir glatt eine Geschichte dazu ein. Mein Josef, der hat sich während seiner Midlife-Crisis ein wenig in eine Schamanin verschossen und alles gemacht, was sie ihm aufgetragen hat. Eines Tages, nach einer Reise zum inneren Krafttier, hat sie ihm eingeredet, er wäre ein Delfin. Wissen Sie, was das heißt?« Sie blickt mich fragend an, doch ich schüttle den Kopf. »Ich habe ihn wochenlang jeden Morgen mit einer Wassersprühflasche aufwecken dürfen. Der ist komplett deppat gewesen.«
Belustigt von ihrer Erzählung bringe ich mich ein. »Immerhin hat er nicht angefangen, Kunststücke zu machen.«
»Doch, doch. Im Planschbecken unserer Enkelin«, gesteht Heidi. »Na, das ist vielleicht ein Heckmeck gewesen.«
Nun lachen wir alle, bis die Stimme der Reiseleiterin etwas lauter wird und wir ihr erneut die volle Aufmerksamkeit widmen.
»Vergessen Sie eines nicht: Nur auf dieser Reise bekommen Sie unser Wundergerät zum exklusiven Sonderpreis! Ich schwöre es, so wahr ich hier stehe. Sie sparen bares Geld.«
»Vielleicht kann der Zauberkoch 3000 ja auch mein Selbstwertgefühl wieder aufwärmen«, murmele ich in mich hinein, »denn das hat es bitter nötig.«
»Na genau, wer’s glaubt, wird selig. Das Geld hätten wir uns auch gespart, wenn wir zu Hause geblieben wären«, wirft der Mann eine Reihe vor mir ein. »Die Inflation ist reiner Wahnsinn. Heutzutage musst du jeden Schilling zweimal umdrehen.«
»Rudi, den Schilling gibt’s schon seit 2002 nicht mehr.« Die Frau neben ihm weist ihn zurecht.
Gisela ignoriert den Einwand und setzt ihre Rede unbeirrt fort. »Es ist statistisch erwiesen, dass die Besitzer des Zauberkochs 3000, gesünder kochen und somit ihrem Stoffwechsel und ihrer Verdauung etwas Gutes tun. Und das zu einem Sonderpreis, meine Damen und Herren.«
»Rudi, da hörst du es. Es gibt das Gerät zum Sonderpreis. Da müssen wir zuschlagen. Eine einmalige Chance.« Die Frau von eben drängt euphorisch in die Richtung ihres Mannes.
»O Gott! Kommt gar nicht in die Frage. Dann haben wir wieder so ein unnötiges Küchengerät herumstehen. Das zehnte, Renate, das zehnte, und das finde ich gar nicht leiwand«, entgegnet der Mann mit typisch wienerischem Dialekt und dreht sich von seiner Gattin weg.
Ich erkenne einen Schnauzer im Gesicht und eine Goldkette, die er um den Hals trägt.
»Infrage, Rudi. Es heißt infrage. Und ob du es leiwand findest, ist mir ziemlich egal.« Während sie ihm das sagt, hüpfen ihre toupierten Haare auf und ab.
»Eigentlich nervt mich die ganze Reise, seit wir sie gebucht haben. Ich bin nur mitgefahren, damit ich den Hausmeisterstrand von Teschsolo auch einmal sehe. Und mit viel Glück vielleicht sogar mein Idol treffe.«
»Ich frag mich immer, warum du Jesolo so komisch aussprichst, Rudi?«
»Renate, ich spreche es genauso aus wie mein Idol. Aus basta. Der kommt immerhin schon mehrere Jahrzehnte her und wird's wissen.« Rudi verschränkt die Arme und lässt offenbar keinesfalls mit sich verhandeln.
»Du und dein Idol. Tzzz.«
Unsere Reiseleiterin zieht sich zurück und wir Gäste klatschen Beifall, zumindest der Teil, der offensichtlich noch wach ist.
»Hier.« Heidi deutet in meine Richtung. »Das hier beruhigt die Nerven.« Sie öffnet die kleine rosa Dose und drückt mir ein Traubenzuckerstück in die Hand.
Dankend nicke ich ihr zu, lehne mich zurück und schaue aus dem Fenster, während ich das Stück Traubenzucker in meinen Mund stecke und lutsche. Es schmeckt herrlich süß nach Erdbeere.
Ich wollte eine Auszeit von zu Hause, mir Ruhe und Zeit für mich gönnen. Stattdessen ist hier genau das Gegenteil der Fall – es ist laut, dynamisch und viele hier sind schrullig. Aber auf eine irgendwie lustige und charmante Art.
»Sag mal, Hilde, glaubst du, wir können die Nadeln rausholen?«, möchte Heidi wissen.
Hilde blickt sich musternd um. »Freilich. Die Ansprache ist vorbei und auf der Autobahn gehts ruhig dahin. Also, auf die Nadeln fertig los.«
Nadeln? Verpassen sich die zwei nun gegenseitig eine Spritze oder wie darf man das verstehen?
Mit einem geschickten Griff ziehen die beiden Damen babyrosa Wolle und Stricknadeln aus ihren Handtaschen. Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht damit.
»Übrigens, stell dir das einmal vor. Meine Schwiegertochter schmiert sich neuerdings Avocadocreme ins Gesicht. Soll helfen, die Haut gut zu durchfeuchten. Sie hat das von einer Influencerin«, erzählt Heidi, während sie die erste Reihe Maschen anschlägt.
»Influencerin? Heißt das nicht Influenza? Das ist doch die Grippe, oder?«
»Geh, Hilde. Das sind diese Werbegesichter aus dem Internet. Und wenn man deren Kanal abonniert, dann ist man ein Follower.«
»Stell dir vor, wir hätten einen eigenen Kanal rund um unsere Strickerei. Da würd es doch abgehen wie Schmitz' Katze mit den Followern«, bemerkt Hilde fröhlich.
»Das mag gut möglich sein, vielleicht frage ich meine Schwiegertochter einmal, wie das funktioniert«, schlägt Heidi vor und wendet sich mir zu, während sie blind weiterstrickt. »Aber was anderes. Was sagen denn Sie zu der Avocadocreme im Gesicht, Hanna? Ich darf Sie doch Hanna nennen?«
»Ähm ja.« Ich stutze kurz. »Woher wissen Sie, wie ich heiße?«
»Ich hab Sie vorhin belauscht«, gesteht Heidi und beginnt zu kichern. »Wir können aber auch gleich per Du sein. Ich bin die Heidi und das ist die Hilde.«
Anstatt die Hände zu schütteln, winken wir uns zu, schließlich haben die beiden alle Hände voll zu tun.
»Weiß ich doch schon«, entgegne ich.
»Und woher kennst du unsere Namen?«, möchte Heidi wissen und zieht die Augenbrauen hoch, während ihre Finger noch immer weiterarbeiten.
»Auch ich bin ziemlich gut darin, andere zu belauschen.« Keck zwinkere ich den beiden zu.
»Das ist ja allerhand. Jetzt werden wir schon mit unseren eigenen Waffen geschlagen«, scherzt Hilde.
Die zwei Damen lachen auf. Und auch Maria neben mir lässt sich von dem Gelächter mitreißen.
»Was sagst du jetzt zur Avocadocreme, Hanna?«, fragt Heidi erneut nach.
»Ins Gesicht? Nein danke, ich hab sie lieber im Mund.«
Hilde und Heidi können sich vor Lachen kaum halten. Und auch Maria stimmt wieder mit ein, sodass der Ludwig auf ihrem Schoß im Takt auf und ab hüpft. Was daran so lustig sein soll, weiß ich selbst nicht, aber es ist köstlich, die Damen derart amüsiert zu sehen.
In diesem Moment vernehme ich ein Vibrieren aus meiner Handtasche, die noch immer vor mir auf dem Boden steht, und greife hinein. Wer ruft mich denn bloß an? Hoffentlich nicht der Elternverein wegen meines Haltevergehens am Busstreifen. Wie würde ich Natalie am besten Konter geben können, hier umzingelt von gefühlt hundert neugierigen Augen?
»Verdammt!«, fluche ich, während ich den Namen auf dem Display lese. Mein Herz macht einen kleinen Satz, denn das hier ist viel schlimmer als der Elternverein.
Kapitel 2
Reinhard Fendrich – Strada del sole
Markus steht da in großen Buchstaben– na bravo! Ich hoffe, es ist alles in Ordnung mit den Mädels!
»Hallo?«, sage ich bemüht freundlich.
»Hanna? Ich … äh … ich brauche Hilfe.« Seine Stimme klingt unsicher.
»Worum gehts denn?«
»Das blöde Kochfeld. Es blinkt dauernd so ein Schlüssel-Symbol und ansonsten funktioniert nichts. Absolut nichts!« Im Hintergrund höre ich Kinderlachen, schrille Quietscher und Hundegebell.
Gott sei Dank, den Kindern geht es gut.
Ich presse die Lippen zusammen. »Bist du schon einmal auf die Idee gekommen, die Betriebsanleitung zu lesen?«
»Ich habe mir gedacht, es wäre einfacher, dich anzurufen, als eine Betriebsanleitung zu lesen.«
»Natürlich«, erwidere ich leise. Klar ist es einfacher, mich anzurufen – wie immer. Schließlich bin ich für alles und jeden verantwortlich. Bevor ich ihm antworte, atme ich tief ein, um meine Gereiztheit zu verbergen. »Also, das Schlüsselsymbol bedeutet, dass die Kindersicherung an ist. Du brauchst nur den Drehknopf draufzusetzen, dann müsste es wieder normal funktionieren.«
»Kindersicherung? Aha.« Er klingt verwirrt. »Und wo zum Teufel ist der Drehknopf?«
»Genau über dir auf der Dunstabzugshaube.«
»Da ist keiner.«
»Guck genau nach. Er muss da sein.«
»Ach ja, da ist er ja. Er ist seitlich angebracht, Hanna. Wie hätte ich ihn sehen sollen?«, wirft er mir vor.
»Mit deinen Augen?«
»Toll, dass dir zu scherzen zumute ist. Mir jedenfalls nicht, denn die Mädels sind kurz vorm Verhungern. Also, danke und schönen Urlaub noch, Hanna.«
Er sagt das »also danke und schönen Urlaub noch, Hanna« so vorwurfsvoll. Verdammt, ist das eine gute Idee gewesen, ihn mit den Kindern allein zu lassen? Bis dato habe doch ich alles übernommen, während er sich seiner Karriere gewidmet hat. Ich schließe die Augen und atme tief durch. Okay, ruhig bleiben, Hanna. Du musst ihm vertrauen. Er schafft das.
»Markus.«
»Ja.«
»Ich bin mir sicher, du meisterst die Woche prima.«
»Meinst du das ernst?« Er klingt fast erstaunt über mein Lob.
»Ja«, sage ich und lächle in mich hinein, »und sonst fragst du deine Yogaperle um Hilfe.«
»Die Yogaperle hat einen Namen. Sie heißt Elena.«
Als er ihren Namen ausspricht, durchfährt mich ein Stich, der sich durch meinen gesamten Körper zieht.
Ich lenke ein. »Okay, dann frag Elena.«
»Sie ist auf einem Yoga-Retreat in Bali.«
»Was für ein ungünstiger Zeitpunkt. Das tut mir leid. Ich nehme an, sie ist tiefenentspannt und unerreichbar?«
»Genau! Namastè und Tschüss.«
Er legt auf. Elena ist in Bali. Ja, da wäre ich jetzt auch gern. Dann greife ich in meine Tasche, stecke mir meine neuen Kopfhörer in die Ohren und verbinde mich mit meinem Handy. Während die Musik zu spielen beginnt, schaue ich aus dem Fenster. Die Landschaft fliegt vorbei, ein blaues Straßenschild verrät mir, dass wir uns kurz vor dem Grenzübergang zu Italien befinden. Die Vorfreude auf die Adria wirkt greifbar. Ich schließe die Augen und träume mich an den Strand. Ans Meer. Ich bin allein. Die Sonne … Plötzlich dröhnt eine Melodie durch den Bus, als hätte jemand die Lautstärke auf 500 gedreht. Träum ich das, oder singt Andrea Berg gerade tatsächlich: »Du hast mich tausendmal betrogen.«
Sofort nehme ich meine Kopfhörer heraus. Nein, ich täusche mich nicht, dieses Lied passt doch wie die Faust aufs Auge zu meinem Leben. Ich sehe Markus und seine Elena vor mir, die schon während unserer Ehe eine Affäre begonnen haben. Was für ein Albtraum!
»Hab ich es dir nicht gesagt, wart’s ab, bis die alten Schachteln das Busradio erobert haben, gell«, meint Maria, und ich kann schwören, dass ihre Ohrringe vollkommen im Rhythmus von Andrea Berg mitwippen.
Dann schaue ich nach vorn. Ein älterer Herr in einer der vorderen Reihen steht mitten im Gang und strahlt bis über beide Ohren. Er greift zum Bordmikrofon, in das eben noch die Reiseleiterin gesprochen hat. Unschlüssig klopft er mit dem Finger darauf herum – einmal, zweimal, und das viel zu fest. Ein Laut schießt durch den Raum, überschlägt sich, pfeift zurück und bohrt sich direkt ins Trommelfell. Mehrere Gesichter zucken zusammen, und das, bevor er überhaupt ein Wort gesagt hat.
»So, Partypeople! Ich will eure Hände sehen«, versucht er uns zu motivieren.
»Partypeople? Sind wir auf einer Kaffeefahrt oder am Ballermann?«, frage ich in Marias Richtung.
Maria beugt sich zu mir. »Wenn gleich einer ›Sangria aus dem Eimer‹ ruft, dann tippe ich eher auf Ballermann.«
Einige Rentner klatschen bereits vergnügt im Takt mit. Zwei Damen vorn aus Reihe vier strecken ihre Hände in die Höhe und winken mit bunten Tüchern, als wären sie auf einem Live-Schlagerkonzert. Okay, okay, ich wollte eigentlich kurz vom Alltag durchschnaufen und wo bin ich gelandet? Mitten in der Schlagerhölle.
Als letzte Rettung stecke ich meine Kopfhörer ins Ohr zurück, starte meine Playlist und schraube die Lautstärke nach oben. Zum Glück singt Andrea Berg jetzt nur noch am Rande. Dann stupst mich jemand von der Seite an. Maria. Muss das ausgerechnet jetzt sein? Ich drehe die Musik leiser.
»Du h… Kopf… drin?«
»Hä?«, frag ich, weil ich nur einen Bruchteil davon verstehe, was sie sagt, und nehme einen Kopfhörer aus dem Ohr.
»Ich habe dich gefragt, ob du deine Kopfhörer drinnen hast?«, wiederholt sich Maria.
»Ja, das hab ich, bis du mich gerade eben angestupst hast. Ich versuche zu überleben, weißt du«, antworte ich ihr trocken. »Ist bei dieser Art von Musik eher schwierig.«
Maria zieht mir nun auch den zweiten Kopfhörer aus dem anderen Ohr. »Mei, Hanna, das ist Schlager, den muss man fühlen.«
Maria steht auf, klettert über mich drüber und zieht mich kurzerhand am Arm hoch.
Bleibt mir denn gar nichts erspart?
Nun stehen wir beide im Gang und sie beginnt eine Mini-Choreografie vorzuführen. Arme nach oben, Winken, Schulterkreisen, Hüftschwung. Alle Achtung, für ihr Alter ist Maria noch ganz schön flott.
Plötzlich ruft jemand: »Polonaise!«, und dann nimmt alles seinen Lauf. Maria legt ihre Hände auf meine Schultern, und ehe ich mich versehe, hängen sich auch Hilde und Heidi mit dran. Obwohl ich mir größte Mühe gebe, der Polonaise zu entkommen, bin ich mittendrin statt nur dabei, denn der Gruppendruck ist stärker. So watscheln wir gemeinsam den Gang entlang, mit mir an der Spitze. Tja, vor ein paar Jahren habe ich noch als Führungskraft gearbeitet, aber nicht als die einer Polonaise. Jetzt tanze ich mit Maria und den anderen Rentnern durch einen Reisebus in Richtung Adria. Was für eine großartige Entwicklung.
Irgendwann zwischen Sitzreihe zwölf und der Bustoilette verliere ich endgültig meine Autorität als Anführerin. Heidi stolpert unglücklich über eine umgekippte Handtasche und ruckzuck kippt die halbe Reihe hinter mir wie Dominosteine um. Herrje!
Hilde schleudert dabei reflexartig ihren Schal nach hinten und trifft den vollen Kaffeebecher eines ahnungslosen Mitreisenden, der sich quer über den Teppichboden ergießt.
Entsetzt starre ich auf den Boden. Was für eine Sauerei! Doch das soll die gute Stimmung keinesfalls beirren, denn die Dominosteine haben sich längst wieder aufgerichtet und sind bereit. Kurz darauf ruft ein Mann aus vorderster Reihe begeistert: »Auf geht’s! Eine Runde geht schon noch«, und dann fängt der ganze Zauber von vorn an.
Als dann das dritte Musikstück endet, habe ich tatsächlich die naive Hoffnung, dass es endgültig vorbei ist. Freudig visiere ich meinen Sitzplatz an, doch die Rechnung habe ich ohne die andern gemacht, denn der Herr von vorhin nimmt das Bordmikrofon noch einmal in die Hand.
»Und als Nächstes kommt für unsere österreichischen Freunde der Reinhard Fendrich mit ›Strada del Sole‹, aber im Ballermann-Remix!«
»Also doch Ballermann«, scherzt Maria, woraufhin ich seufze.
»Renate, hast du das gehört? Der Fendrich singt gleich. Ur leiwand!«, ruft Rudi begeistert. »Die Reise ist doch nicht so blöd, wie ich gedacht habe.«
»Ja, dann auf, Rudi. Marsch! Auf was wartest du denn? Wir wollen doch die nächste Polonaiserunde keinesfalls versäumen. Wer bremst, verliert!«
Nach einer ausgiebigen vierten Tanzrunde und einer kurzen Toilettenpause an der Raststätte ist es zum Glück etwas ruhiger im Bus geworden. Entspannt lehne ich mich zurück, diesmal ohne meine Kopfhörer und versuche, die letzte halbe Stunde bis nach Jesolo ein wenig zu schlafen. Die Geräusche rund um mich treten in den Hintergrund. Auch das regelmäßige Klacken der Stricknadeln von Hilde und Heidi hat etwas Meditatives. Ich konzentriere mich einzig und allein auf meinen regelmäßigen Atem. Plötzlich fällt etwas in meinen Schoß, und ich öffne die Augen. Was ist das? Da liegt doch tatsächlich ein rosa Wollknäuel auf mir. Ich verfolge den Faden über den Gang, welcher direkt zu Hilde führt. Ich möchte es ihr zurückgeben, da hebt sie den Zeigefinger.
»Finger weg, das ist babyrosa Nummer 244 – streng limitiert«, rügt sie mich, und ich lasse meine Hand sofort wieder in den Schoß sinken. »Hier in meiner Tasche verheddert sie sich ständig.«
Bin ich jetzt eine Wollablage oder wie darf ich das verstehen? Ich atme kurz durch. Eigentlich ist es egal, soll doch das Knäul die letzten Minuten auf mir liegen bleiben, wenn Hilde geholfen ist.
»Was strickt ihr denn da eigentlich Schönes? Sieht ein wenig aus wie Miniatur-Mützen«, merke ich neugierig an und schaue in die Richtung der beiden fleißigen Bienen.
Hilde fixiert mich mit einem durchdringenden Blick, während ihre Hände wie automatisiert weiterarbeiten. »Kennst du das Sprichwort? Neugier öffnet Türen – vor allem die, durch die man besser nicht geschaut hätte.«
Na, jetzt übertreibt sie aber.
»Au!«, schreit Heidi plötzlich und steckt sich den Finger in den Mund.
Der Bus ist durch ein Schlagloch geholpert und die arme Heidi hat sich mit der Stricknadel in den Zeigefinger gestochen.
»Brauchst du ein Pflaster?«, möchte Maria besorgt wissen und beginnt in ihrer Tasche zu wühlen.
»Ach, ich glaub, es geht schon«, entgegnet Heidi und lutscht weiterhin mit leidlichem Blick am Zeigefinger.
»Ich hätte da noch eines mit gelben Enten drauf, von meinem Enkelsohn.« Maria streckt ihre Hand über mich drüber und hält Heidi das Pflaster entgegen.
»Danke, ich nehm's, aber nur, weil diese niedlichen Enten drauf sind«, flötet Heidi, legt ihr Strickzeug beiseite und verarztet sich.
»Zu meinem Enkel würde ich jetzt sagen, bis du heiratest, ist es wieder gut«, meint Maria und zwinkert Heidi zu.
Die lacht auf. »Da bist du wohl ein paar Jahrzehnte zu spät.«
Ein Pflaster mit gelben Enten und ein Huhn auf dem Schoß, nun ja, das Faible von Maria ist schon etwas speziell.
»Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir werden in wenigen Minuten am Hotel eintreffen. Bitte packen Sie sich langsam zusammen und vergessen Sie nichts. Wir sehen uns dann beim Check-in«, ruft die Stimme von Gisela durch das Bordmikrofon. »Und denken Sie dran: Jeder bekommt ein Zimmer. Das Aussteigen darf daher ganz entspannt und verletzungsfrei ablaufen, denn der Busteppichboden ist schwer zu reinigen.« Sie lacht auf und trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob sie das scherzhaft meint oder aus Erfahrung spricht. Immerhin hat sie schon Flüssigkeiten hineinsickern gesehen.
O mein Gott? Was wird mich da erwarten?
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